Categories:

Wer Mathematik liebt, wird oft als Nerd oder als Streberin bezeichnet. Doch weshalb eigentlich gilt dieses Fach als uncool? Wenn man Jugendliche fragt, weshalb das Fach Mathematik von vielen gehasst wird, antworten sie etwa: «Mit Mathematik kann man ausser in der Schule nicht viel anfangen.» Frustrierte Kinder und Erwachsene verweisen auf Persönlichkeiten, die ohne (mathematische) Schulbildung erfolgreich und bekannt geworden sind – Steve Jobs und Mark Zuckerberg etwa haben beide die Schule abgebrochen. Oder sie sagen: «Wie viel ich bezahlen muss, kann ja mein Tablet oder mein Handy berechnen.» Es wird übersehen, dass Mathematik nicht nur eine Schlüsselkompetenz für den Eintritt in weiterführende Schulen oder in eine Berufslehre ist. Sie begegnet uns auch im Alltag: beim Einkaufen, beim Bezahlen von Rechnungen, beim Ausfüllen der Steuererklärung. Weil das Handy nicht immer funktionstüchtig oder zur Stelle ist, ist es beispielsweise in einem Laden von Vorteil, wenn wir im Kopf einschätzen können, ob wir für die erworbenen Produkte genug oder zu viel bezahlt haben. Zudem schult Mathematik das Denken. Wer mathematisches Verständnis hat, kommt nicht nur in Alltagssituationen besser zurecht, sondern versteht komplexe Problemlösungen und absolviert in der Regel erfolgreiche Karrieren.

Beim Schuleintritt zählen einige schon bis zehn oder weiter auswendig vor und zurück, andere nehmen noch die Finger zu Hilfe Viele hassen Mathematik von Anfang an. Und dies, obwohl in der Primarschule überwiegend realitätsnahe Mathematik gelehrt wird, die im Alltag anwendbar ist. Manche Lernende und Lehrpersonen denken, Schülerinnen und Schüler würden motivierter arbeiten, wenn die Mathematikaufgaben anwendungsorientierter sind. Doch sie irren sich. Die Aversion hat andere Ursachen: Bereits bei der Einschulung verfügen Kinder über auffallend ungleiche Kompetenzen. Bei einigen ist der Mengen- und Zahlbegriff von null bis zehn bereits gefestigt. Andere hingegen nehmen die Finger, um von eins bis fünf zu zählen. Dessen scheinbar völlig ungeachtet werden in der Schule nunmehr seit Jahrzehnten (!) allen Gleichaltrigen zur gleichen Zeit dieselben Lerninhalte vermittelt. Das über- beziehungsweise unterfordert nachweislich etwa zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen. Die Folge? Bereits im Kindergarten werden erste Therapien verordnet. Das ist weder zeitgemäss noch zukunftsfähig. Es gilt einzugestehen: In den Schulen wird Individualisierung zu wenig konsequent umgesetzt. Um dies zu ändern, muss der Mathematikunterricht nicht alltagstauglicher gestaltet werden und die Lehrpersonen müssen nicht noch mehr Engagement zeigen oder noch «achtsamer» unterrichten. Vielmehr sollte den Lernenden in diesem kulturtechnisch bedeutenden Fach die Freiheit zugestanden werden, selbst darüber zu bestimmen, wann sie sich mit den einzelnen Lerninhalten beschäftigen wollen.

Inklusion als Lösung Wie kann das konkret im Unterricht umgesetzt werden? Das Zauberwort heisst: Individualisierung. Pädagogische Hochschulen und moderne Lehrpläne fordern dies schon längst vehement. Doch in den Schulen wird sie zu wenig konsequent umgesetzt: Schülerinnen und Schüler dürfen in Mathematik jeweils lediglich in zeitlich begrenzten Projekten, etwa bei den Hausaufgaben oder anhand von Wochenplänen, im eigenen Tempo arbeiten. Um der genannten Diskrepanz bei der schulischen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen gerecht zu werden, genügt dies nicht. Denn auch bei der Arbeit mit Wochenplänen werden Gleichaltrige immer wieder an demselben Lernort versammelt und alle müssen zum gleichen Lernziel zur gleichen Zeit dieselbe Prüfung ablegen. Das ist unfair, weil auf diese Weise andauernd die gleichen Kinder versagen. Wir müssen uns von dem an Defiziten der Lernenden orientierten Unterricht verabschieden, müssen ihnen endlich mehr Verantwortung für ihr Lernen übergeben und die Freiheit zugestehen, selbst darüber entscheiden zu dürfen, wann sie zu welchem Thema eine Prüfung schreiben. Nur so arbeiten sie intrinsisch motiviert und nachhaltig erfolgreich. Entmutigung und Hass werden ersetzt durch nicht nachlassende Lernfreude und Selbstbewusstsein. In Schulen, die so arbeiten, zeigt sich erstens: Die Stigmatisierung der mathematisch wenig begabten Kinder fällt weg. Zweitens: Motivation und Lernfreude bleiben erhalten. Und drittens: Mathematisch Hochbegabte werden angemessener gefördert und mutieren nicht mehr zu Minimalisten.

Clarita Kunz, MA Schulische Heilpädagogik

Tags:

No responses yet

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *